Engagement älterer Menschen
Dr. Dieter Wissler (1939), Präsident der Novartis Pensionierten-Vereinigung hielt im Rahmen eines Workshops des Seniorenforums Basel-Stadt zur Freiwilligenarbeit von Seniorinnen und Senioren einen Vortrag zum Engagement älterer Menschen für Familie und Gesellschaft, den wir in einer Zusammenfassung wiedergeben. Dieter Wissler ist selbständiger Unternehmensberater und Präsident der Einwohnergemeinde Blauen.
Der Schaukelstuhl verstaubt in der Rumpelkammer
Ich erinnere mich lebhaft an meine Grosseltern, vor rund 60 Jahren: Ich sehe sie in der Stube, bei einem Schläfchen im Schaukelstuhl; in Gedanken versunken vor dem Stöckli auf der Bank. Durch ein hartes Bauernleben gezeichnet; kränklich und abgeschafft, nur noch mit sich selbst beschäftigt. Dabei waren beide erst knapp siebzig!
Siebzigjährige heute? Laut der Schweizerischen Gesundheitsbefragung von 2007 schätzen etwa drei Viertel der 65 bis 74-Jährigen und knapp zwei Drittel der über 75-Jährigen ihre Gesundheit als gut bis sehr gut ein. Ältere Menschen sind heutzutage aber nicht nur länger gesund als die Generationen vor uns, sie bleiben auch im «Ruhestand» aktiv und beteiligen sich engagiert in Familie und Gesellschaft - der Schaukelstuhl verstaubt in der Rumpelkammer. Knapp 40 Prozent aller Schweizerinnen und Schweizer sind als Freiwillige unbezahlt tätig: Informell in der Nachbarschaftshilfe, der Kinder-, Alters- oder Krankenbetreuung, im Sozial- und Gesundheitswesen oder organisiert in Vereinen, Behörden, karitativen, religiösen und politischen Institutionen. Jährlich werden in der Schweiz etwa 740 Millionen Stunden unentgeltlicher Arbeit geleistet. Nach Marktlöhnen gerechnet ergibt das eine Summe von rund 19 Mia. Franken. Dazu tragen die Seniorinnen und Senioren 3,7 Milliarden bei. Wahrlich eine stolze Zahl.
Freiwilligenarbeit in der Schweiz
Die 65 bis 74-Jährigen stellen nicht nur den höchsten relativen Anteil Freiwilliger an der Bevölkerung, sondern sind auch die einzige Altersgruppe, deren Engagement zwischen 2000 und 2007 zugenommen hat. Zwar nur geringfügig, aber das knappe Prozent entspricht etwa 16'000 Seniorinnen und Senioren, die wenigstens zum Teil den rückläufigen Einsatz der Berufstätigen ausgleichen können. Überdurchschnittlich ziehen sich 25 bis 39-Jährige aus der Freiwilligenarbeit zurück, vor allem wegen der Doppelbelastung durch Beruf und Kindererziehung.
Aus einer Umfrage, die der Schweizerische Seniorenrat 2008 bei 75 Senioren-Organisationen durchführte, werden die Motive deutlich, die ältere Menschen zu ihrem Einsatz für das Gemeinwohl bewegen. Sie wollen weiterhin am gesellschaftlichen Leben teilnehmen, sich ihr soziales Netzwerk erhalten und dem Alltag eine sinnvolle Struktur geben. Vielen, die bereits vor ihrer Pensionierung im Freiwilligendienst tätig waren, ist es wichtig, ihre Erfahrungen und Lebensinhalte weiterzugeben. Und nicht wenige suchen nach ihrem Berufsleben neue Herausforderungen und werden als Gemeinde-, Stiftungsräte oder Kommissionsmitglieder zu wichtigen Trägern des Milizsystems.
Trotz einer insgesamt rückläufigen Tendenz hat Freiwilligenarbeit in der Schweizer Gesellschaft, aber auch in Wirtschaft und Politik einen hohen Stellenwert und ist in vielerlei Hinsicht system-tragend. Das gilt auch für den Beitrag der älteren Menschen: Ohne ihren tatkräftigen Einsatz wären viele Vereine, Verbände und kommunale Institutionen schlicht handlungsunfähig. Im Gesundheits- und Sozialbereich entständen grosse Einbrüche, die Nachbarschaftshilfe eingeschlossen. System-tragend aber auch in der Wirtschaft: Durch die Übernahme von Kinderbetreuung durch die Gross-eltern wird vielen Frauen ihre (Teilzeit-)Erwerbstätigkeit überhaupt erst möglich. Dieses Verständnis fehlt vor allem jungen Menschen. Das Engagement der «jungen Alten» braucht deshalb eine zusätzliche, kommunikative Komponente: Je deutlicher ihre Tatkraft der breiten Gesellschaft vermittelt werden kann, desto mehr steigt die Wertschätzung der «Alten» und desto grösser ist die Chance zu einem Generationen übergreifenden Dialog, der beidseitig von Achtung und Respekt getragen wird.
Liegt ein Grund für den Rückgang der Freiwilligenarbeit vielleicht auch darin, dass viele Menschen heutzutage nicht mehr bereit sind, nur noch um «Gotteslohn» zu arbeiten? Forderungen nach staatlicher Anerkennung der Freiwilligenarbeit werden immer lauter. AHV-Bonus, Steuererleichterungen oder Bildungsgutschriften stehen als Anreize zur Diskussion. Oder, analog zur Abzugsberechtigung von Spenden, der Wert von Freiwilligenarbeit, der gemeinnützigen Organisationen erbracht worden ist. Bund und Kantone sind gefordert, sich dieser Problematik anzunehmen. Eine entsprechende Initiative (in Basel bereits unterwegs) könnte beschleunigend wirken!